… Sunu war wie gebannt von der Schönheit der Dame Tuja und verfolgte jede der geschmeidigen, katzengleichen Bewegungen des wilden Tanzes mit sehnsüchtigem Blick. Der schlanke Leib bog sich, die lange Mähne wirbelte durch die Luft, die Beine schienen die Erde kaum zu berühren. Sunu wusste nicht mehr, wie lange die Vorführung gedauert hatte, fünf Minuten oder fünf Jahrtausende? Aber als Tuja zu einem letzten Trommelwirbel in einer Kaskade schwarzen Haares zu Boden sank, fiel auch er wie hypnotisiert in den donnernden Beifall des übrigen Publikums ein. Als er sich langsam wieder fasste und in die Realität zurückkehrte, warf er einen forschenden Blick hinauf zur Estrade, wo Thutmosis sich in Begeisterung erhoben hatte. Das Leuchten in seinem Blick zeugte von Besitzerstolz und Begehren. Sunus Blick, eben noch feurig begeistert, verschleierte sich und er nahm, sich wieder setzend, einen großen Schluck aus seinem Weinbecher. Er durfte sich nicht von seiner Aufgabe hier im Palast ablenken lassen. Schon gar nicht durfte er Gefühle entwickeln für eine Frau, die zu den Verdächtigen zählte und zudem einem künftigen Pharao angehörte. Den Rest des Festes konnte er nicht mehr richtig genießen, doch musste er warten, bis die Königin sich in ihre Gemächer zurückzog, wie es seine Aufgabe verlangte. Endlich war es soweit; Hatschepsut erhob sich von ihrem Platz. Geb und Hui beeilten sich, ihren Plätze einzunehmen, dann verließ die Königin unter den Gunstbezeugungen der Gäste, gefolgt von Gaza, Hapuseneb, Thutmosis, der Dame Tuja und den beiden hochrangigen Offizieren den Festsaal. Erst als die Gruppe das Tor durchschritten hatte, blickte Sunu sich im Raum um. Er konnte Tunip nirgends entdecken. Das Fest war noch immer in vollem Gange. Etliche der Besucher würden erst im Lichte des nächsten Tages, gestützt oder sogar getragen von ihren Dienern, in ihre Häuser oder Gemächer zurückkehren. Sunu ließ sich davon nicht beeinflussen. Er hatte für heute genug. Er bahnte sich einen Weg zwischen Essenden, Tanzenden und Betrunkenen hindurch in Richtung Ausgang. Wenig später bog er in den Gang ein, der zu seinen Räumen führte. Misstrauisch blieb er stehen und kniff die Augen zusammen als er die, selbst für diese Nachtzeit im Palast, ungewöhnliche Dunkelheit bemerkte und mit Blicken zu durchdringen versuchte. Die Fackeln und Lampen, die sonst die Gänge erhellten, waren in diesem Abschnitt des Ganges erloschen. Er legte den Kopf schief, um zu lauschen. …

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