… Die Adligen gaben von ihrer Jagdbeute einen großen Teil ab und in den vielen Brätereien auf den Märkten wurde es zubereitet und kostenlos ausgegeben. Den ganzen langen Tag wurde gegessen, getrunken und gefeiert. Deshalb warteten alle, ob Edler oder Fellache, ungeduldig auf das Ende der rituellen Opferung für Min, damit man mit dem unkonventionellen Teil des Festes beginnen konnte. Sobald also das königliche Paar das Getreide, die Früchte und die Blumen zu Füßen der in den Hof getragenen goldenen Statue des Gottes abgelegt und die Priester ihre frommen Sprüche heruntergeleiert hatten, der Weihrauch gegen Himmel verraucht war, hatten es alle plötzlich sehr eilig. Nur die göttliche Gemahlin warf der Götterstatue einen missvergnügten Blick zu, den sie jedoch schnell verbarg, indem sie die Lider senkte. Der Gott Min war als aufrecht stehender Mann mit zwei Federn auf dem Haupt dargestellt. Das war es aber nicht, was Hatschepsut innerlich zusammenzucken ließ, sondern der riesige hoch aufgerichtete Phallus, Symbol der Fruchtbarkeit. Erinnerte sie dieses Zeichen männlicher Erregung doch daran, dass auch ihre Frist ablief. Bald würde sie sich ihrem Halbbruder hingeben müssen. Konnte sie ihn auch durch Anspielungen auf das Wissen der Dame Tuja in manchen politischen Entscheidungen zur Zurückhaltung drängen, so war ihr doch bewußt geworden, mit welcher Dringlichkeit er auf die Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten ihm gegenüber bestand. Natürlich waren ihr auch die begehrlichen Blicke nicht entgangen, die Thutmosis ihr immer öfter zuwarf. Und schließlich und endlich konnte sie sich ihrer Pflicht, Kemet einen Thronfolger zu schenken, nicht ewig verschließen.
*
Die Mittagszeit war angebrochen und etlichen der Menschen in der Menge knurrte bereits der Magen in Vorfreude auf die außergewöhnlichen Köstlichkeiten, die einem heute geboten werden würden. Der Pharao und die göttliche Gemahlin bestiegen wieder ihre Sänfte, Hatschepsut mit einem letzten heimlichen Blick auf die Götterstatue und ihr erigiertes Mahnmal. Mit ihnen brach alles Volk, ob hochgestellter Adliger oder Bauer, zum Fest des Min auf. Der Unterschied bestand nur darin, dass die einen im noblen Palast, die anderen auf den Straßen feiern würden.
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Hatschepsut erschien erst gegen Nachmittag im großen Sonnensaal, gefolgt von ihren Anhängern. Sie hatte sich umgekleidet und trug ein schlichtes, dennoch elegantes Kleid aus gelbem leichten Leinen, gehalten von einem goldenen Gürtel. …

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