… Die Herrin beider Länder setzte ihre ruhelose Wanderung durch den Raum fort. „Wie kommt ihr darauf, es muß euch doch jemand darüber informiert haben, der unmittelbar daran beteiligt war, oder?“ Sunu senkte den Kopf. Er hatte sich vorgenommen – zumindest vorerst – Tuja aus der Sache herauszuhalten. Sie war zu krank und schwach, um als Zeugin hier aufzutreten. „Herrin,“ fuhr er deshalb eindringlich fort, „Vertrau mir noch einmal. Hui und ich bürgen dir mit unserem Leben für die Wahrheit unserer Worte.“ Fragend sah er zu dem großen Schwarzen hinüber; dieser nickte nur stumm. „Es gibt einen Zeugen, Herrin, aber der ist zu dieser Zeit nicht vernehmungsfähig und ich garantiere dir, dass derjenige nur durch Zufall zum Mitwisser geworden ist und dies beinahe mit dem Leben bezahlt hätte.“ Hatschepsut hielt wieder in ihrer Wanderung inne und sah beiden Männern abwechselnd intensiv in die Augen, dann nickte sie. „Also gut, ich will euch noch mal vertrauen. Bisher habt ihr mich nicht enttäuscht. Aber stellt meine Geduld nicht auf eine allzuharte Probe.“ Mit einer ungeduldigen Geste winkte sie alle außer Senmut aus dem Raum. In ihrem erregten Zustand wandte sie sich doch wieder ganz instinktiv demjenigen zu, dem ihr grenzenloses Vertrauen und mehr gehörte. Sie entließ ihre Getreuen mit den Worten: „Geht jetzt. Ich muß mir die ganze Sache durch den Kopf gehen lassen. Morgen heirate ich also meinen potentiellen Mörder.“
*
Der nächste Tag brach an und mit ihm begann ganz Theben zu brodeln. Überall in den Straßen in den Villen der Reichen und natürlich auf dem Palastgelände fieberte man der Feier entgegen. Es wimmelte von in– und ausländischen Gästen, Würdenträgern und Abgesandten. Der ganze Hofstaat hatte heute in Sänften oder zu Fuß die Königin und den Horus im Nest zum Tempel von Karnak begleitet, um zu warten, bis sie vom Reinigungsritual im Allerheiligsten zurückkehrten. Das Volk stand entlang der von Sphingen bestandenen Allee um das Spektakel zu beobachten und dem künftigen Pharao und seiner göttlichen Gemahlin zuzujubeln. Der Nil quoll fast über vor lauter großen und kleinen Schiffen besetzt mit Edlen, Neugierigen und einfachem Volk. Schmuckhändler, Straßenkünstler, Imbissstände und fremdländische Besucher mischten sich unter die Menge, einige um Geschäfte zu machen, andere um ihre Neugierde zu befriedigen und einmal öfter die Pracht und die Prächtigen Kemets zu sehen. …

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